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Mythos Mercedes W124 – bringt der es heute tatsächlich noch oder ist der alltagsfern?

Wie schon der legendäre Golf 2 gilt neben dem Audi 100 / A6 sicherlich der Mercedes W124 als die Bank, was Qualität angeht. Hier stecken Generationen von Besitzern drin, die den Wagen öffentlich anhimmeln – Mythos oder Realität?

Rückblick: der Mercedes W124

Der W124 hatte den bis dahin schlechtesten Start aller Mercedes Modelle – später sollte der W140 sich noch lächerlich machen, schlimmer noch die A-Klasse – aber der W124 war demnächst mal dem Spott des sogenannten „Bonanza-Effektes“ ausgesetzt, einem Aufschaukeln des Motorblocks, das vor allem bei Taxifahrern die Runde machte. Taxifahrer liebten ihn zwar aus Prinzip, aber da ging ein Ruck durch die Droschken-Gemeinde: Ein Mercedes mit einem solchen Mangel war nicht zulässig – viele blieben daher beim Vorgängermodell oder gar dem Strichachter (1968 bis 1976), als der Mercedes W124 1984 das Licht der Welt erblickte.

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Kam ohne Zweifel dekorativ und zeitlos daher – man kann den heute noch mögen – und die Ersatzteilversorgung ist ausgezeichnet

Später hörte man dann nur gutes über den W124 – und das seit mittlerweile 32 Jahren – ist das gerechtfertigt?

Der Mercedes W124 heute: Im Praxistest derer, die es wissen müssen

Seit satten 20 Jahren wird der Mercedes W124 nicht mehr gebaut – die ältesten Modelle sind knapp 32 Jahre alt – und immer noch gilt der Wagen als der Olymp Deutscher Fahrzeug-Qualität.

Wir fragen Besitzer, was da dran ist.

Horst, 51, hat den dritten W124 – sein jetziger ist Baujahr 93 – ein Kombi mit 230er Benzin-Motor und Automatik.

„Ich fahre jetzt seit 1993 den Mercedes W124 und habe gerade mal drei verbraucht – in 23 Jahren! Insgesamt habe ich für die 124er gerade mal umgerechnet 21.000€ bezahlt. Den jetzigen habe ich seit 6 Jahren – und kürzlich hat mir jemand 4000€ geboten – einfach so auf dem Parkplatz! Und ich würde wahrscheinlich mehr bekommen – der hat gerade mal 324.000 Kilometer drauf. Die anderen haben alle bis über 600.000 durchgehalten. Reparaturen? Na klar: Neue Bremsen, hier und da mal eine neue Dichtung. Das Komplexeste, das am neuen mal kaputt war, war das Steuergerät fürs ABS – hab ich mit einem Haufen andere, Krempel zusammen bei eBay für 450 Euro besorgt – und ich konnte es sogar alles selbst wechseln. Leider macht der Rost ihm jetzt zu schaffen, vor allem am Fahrwerk – und das dann leider auch nicht zum ersten mal“c124!

Gerd, 39, hat seinen zweiten W124 und einen W201. Ein ungemein gepflegter 300CE mit Automatik.

„Ich bin da ganz ehrlich: So, wie wir den Wagen pflegen, könntest Du wahrscheinlich jeden Wagen lange fahren. Der Wagen kommt alle 4 Jahre zu einem Mercedes Händler im Taunus, der ihn überholt. Der Wagen hat 545.000 drauf. Größte Investition: Neue Sitze vorn, neues Automatikgetriebe (bei etwa 380.000) und die Überholung des 300ers für knapp 4000€ – in 11 Jahren – dafür hätte man kein anderes Auto dieses Status´fahren können. Mit dem kannst Du immer noch vor der Oper vorfahren.“

Regina, 48, hat ihren 124er geerbt – 250D, Baujahr 1987, mittlerweile 405.000 drauf.

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Notfalls der perfekte Langweiler

„Ich wollte die Spießerkiste nie haben – und er war auch schon 15 Jahre alt, als ich ihn bekommen hab. Die Sitze waren da schon ziemlich hinüber – die alten Sitze vorne taugten einfach nix – also wollte ich ihn bis zum nächsten Tüv (knapp 18 Monate) fahren, falls er so lange halten sollte. Ich hatte nie ein altes Auto haben wollen – im Gegenteil. Mittlerweile, 14 Jahre später, kann ich mir kein anderes Auto mehr vorstellen. Die vorderen Sitze sind neu, die Hinterachse wurde getauscht – das hat mit allem Kram weit über 2500€ verschlungen – ansonsten hat der Wagen nur mal ein Zipperlein mit der Feststellbremse gehabt. Solche Autos gibt es nicht mehr – Punkt! Dennoch gilt: Die Werkstätten sind sündhaft teuer – die Ersatzteile nicht. Dass der Wagen nur 90PS hat, ist absolut kein Hindernis im Alltag.“

Wir kommen mit Tobias, einem Mercedes Mechaniker, ins Gespräch, der von 1990 bis 2007 bei Mercedes gearbeitet hat, heute bei Bosch. Er selbst hat einen W211 T-Modell – also den Nachnachfolger.

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Alltagsheld

„Ich würde den W124 immer noch kaufen – muss aber klar sagen, dass der 211er einfach das sicherere Auto ist. Der W124 ist mechanisch solide. Wenn Du da Teile ausgebaut hast als junger Mechaniker, hast Du immer mit dem Kopf schütteln müssen. Da war der W202 schon da, später so rottige Kisten wie die erste A-Klasse – alles Murx gegen den W124. Der Wagen wurde auf solche Dinge hin getestet, ob Du ein Türscharnier Xtausend mal öffnen kannst! Das glaubt einem heute kein Mensch mehr. Heute unterschreibt der Zulieferer, dass das wohl schon irgendwie klappen könnte – und das wars. Da haben die Hersteller einfach keinen Vertrag mehr mit. Der schlechteste Mercedes war leider ausgerechnet sein Nachfolger. Fährt sich immer noch toll, ist aber ein Groschengrab sondergleichen.
Der W211 ist besser – und auch schon ab ein paar Tausend Euro zu haben – dadurch ist er oft billiger als ein W124.“

Gibt es auch schon für ein paar Tausend Euro - und ist auch nicht ganz unumstritten

Gibt es auch schon für ein paar Tausend Euro – und ist auch nicht ganz unumstritten

Da kann man dann alles in allem schon stutzig werden, oder? Speziell Tobias kann abendfüllende Geschichte darüber erzählen, welchen Anforderungen der W124 in seiner Entwicklung genügen musste. Da gab es noch kein „Design-to-budget,“ wie man das heute kennt.

Hier ist Mercedes vor allem stets doppelt im Feuer, weil die das so lange abgelehnt haben – deshalb haben die auch heute einfach keine Krone mehr auf in dem Bereich – zurecht, wie zig Erfahrungen mit Benzen der Post-W124-Ära zeigen. Schändlich.

Der Legendäre Insider-Post  zum Thema Qualität in der Neuwagen-Entwicklung spricht eine ähnliche Sprache. Wir werden uns dem Thema noch einmal widmen müssen – Youngtimer hin oder her – der W124 steht irgendwie immer noch mitten im Leben – mal schauen, ob er das auch für 3000€ tut – gute Pflege kann ja jeder…



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