Mercedes W204 – ist der schon so weit?

Wir kalkulieren mal schnell faustwertig: Der Wert eines Wagens halbiert sich alle 4 Jahre – der W204 kam vor 12 Jahren auf den Markt – ein Wagen, der damals etwas über 30.000 kostete, müsste heute für 4.000 zu haben sein, oder? Ja… immer, wenn Mercedes mal Mist gebaut hat und einen Wagen auf den Markt brachte, der nicht gut war oder nicht beliebt – dann hat das den Vorgänger historisch massiv gestärkt – und im Anschluss auch den Nachfolger auf dem Gebrauchtwagenmarkt.

Der Mercedes W204, die C-Klasse, wie sie Mercedes ab 2007 gebaut hat, ist so ein Fall. Der Vorgänger gilt als qualitatives Desaster, vor allem beim Rost zeigt er sich problematisch wie auch viele andere Mercedes Modelle aus dieser Phase, etwa der W210 und der W220 oder W168. Als der E203 sich als schlecht herum sprach, behielten viele den W202 länger als erwartet und anschließend stürzten sich die Enttäuschten auf den W204 – und das hält seine Preise ziemlich stabil. Tatsächlich liegt seine Wertstabilität auch im historischen Vergleich auf der Kure des legendären W201. Zurecht?

Macht immer noch was her: Mercedes C-Klasse vom Typ W204

Auch hier mal faustwertig:Ja. Der W204 zeigt sich an allen Eckwerten besser als sein Vorgänger – mit einer Ausnahme: Alles, wo Strom durchläuft, ist etwas schlechter im Schnitt. Ein typischer Fall von gestiegener Komplexität. Der Rest des Wagens ist besser als der Durchschnitt und wird den Erwartungen an den Mercedes Mythos in vielen Punkten sehr gerecht. Das sieht man in Teilen sicherlich auch an den beeindruckenden Laufleistungen der Fahrzeuge, die man heute unter 5.000€ bekommt. 250.000 sind da eher die Anfängerstufe. Wir haben Fahrzeuge mit über 450.000 Kilometern gefahren, die einen guten bis sehr guten Eindruck hinterließen und auch unter dem Blech noch solide waren.

Auffällig bei allen diesen Modellen: NIcht nur, dass die meisten mechanisch ungewöhnlich gesund sind – sie sind auch von den Materialien im Innenraum deutlich besser als die meisten Autos aus dem Konzern und aus anderen Konzernen. Die Innenräume mit 400.000 und mehr wirken an vielen Stellen nahezu neu und völlig unverschlissen. Das war vorher schlechter, bei späteren Modellen ist es das auch. Die heutigen Innenräume sind weniger robust, muss man sagen.

Bei einer Probefahrt mit einem Kombi mit rund 330.000 auf der Uhr sprechen wir das einmal aus und weisen darauf hin, dass der Wagen sich eher nach 100.000 anfühlt und selbst dafür gut wäre. Lasst uns das für einen Moment im Hinterkopf behalten.

Die Kombis sind nicht so viel teurer, wie man erwarten würde

Die verbauten Multimedia-Einheiten stellen in beinahe allen Fahrzeugen die größte Problemquelle dar. Hier sind die Besitzer oft offensiv und weisen auf Fehler hin – und das sind nicht mehr die lustigen kleinen Pixel-Fehler, wie man sie früher hatte. Hier kann man sich alles mögliche vorstellen von Schwierigkeiten bei der Adresseingabe bis hin zu Macken bei der Klimasteuerung. Anfällig auch: Die unauffällig verbauten CD-Laufwerke, die auf Langstrecke überhitzen und dann mit dem Staub nicht zu Recht kommen. Klassischer Fehler, den man auch beim W220 oft findet. Mercedes ruft für diese Macke nie unter 400€ auf, oft auch mal 700. Richtig clevere Hinterhof-Bastler können den Fehler in 30 Minuten beheben.

Ansonsten gilt: Der Mercedes W204 fährt sich erwartungsgemäß sehr zeitgemäß – und das in allen Dimensionen. Vor allem auf der Autobahn macht der Wagen eine gute Figur, auch bei hohen Geschwindigkeiten. Verbreitet sind größtenteils die kleineren Motoren, vor allem für unser Budget. Sowohl die Benziner als auch die Diesel sind mit den Laufleistungen von über 300.000 für das Budget zu bekommen – beide verdienen einen gewissen Respekt und ein C180 ist kein schlechtes Auto, selbst, wenn er der kleinste in der Range der angebotenen Motoren ist – das war bereits beim Mercedes W202 so – und langsam ist er auch nicht.

So kann man die kleine Benz-Limousine durchaus schätzen lernen – ausser im Winter. Der W204 ist im Bereich Traktion ein Totalausfall – und mehr Assistenz-Systeme machen es eher noch schlechter. Im Winter ist der W204 in Teilen wirklich schier lächerlich.

Na – wo gehört die CD hin…?

Abgesehen davon: Lohnt es sich, auf den W204 zu spekulieren oder vielleicht besser noch ein oder zwei Jahre zu warten? Hm… Die wahren Gegner des Mercedes W204 sind der BMW 3er vom Typ E90 und der Audi A4 in den Modellen B7 und B8. Mythos Mercedes hin oder her: Sowohl der 3er BMW als auch der Audi A4 schneiden bei allen Zuverlässigkeitswerten, den Wartungskosten und nahezu allen relevanten Erfassungen besser ab – beide gelten bei den Garantieversicherer als Vorzeige-Autos. Selbst im Bereich der Elektronik sind diese Fahrzeuge zuverlässiger, speziell der BMW, der mit seinen ganzen möglichen Funktionalitäten schon irre komplex geraten ist, gibt sich hier keine Blöße. Und tatsächlich sind sowohl der BMW als auch der Audi aufgrund der speziellen Marktsituation des Mercedes vergleichsweise günstiger. Da kann man schon mal einen Tausender sparen oder auch mal 100.000 Kilometer auf der Uhr.

Wenn wir uns auf die Suche machen würden nach einem dieser Fahrzeuge, dann würde da auch tatsächlich der 3er gewinnen. In der Reihe ausgezeichneter Fahrzeuge ist der E90 ein echtes Highlight und konzeptionell großartig, als 320er schon im Bereich, den ein Porsche 911 in den 80ern erreichte und nochmals besser als sein Vorgänger, der auch schon ziemlich gut war.

findet man nicht mehr ganz so häufig wie früher: Die krassen Tuning-Exemplare. Vielleicht ist der Wagen auch noch nicht im richtigen Alter…

Am Ende unserer aktuellen Recherche machen wir einen erstaunlichen Zufallsfund. Der Kombi mit den 330.000 Kilometern, den wir uns zwischendurch angesehen hatten… Da finden wir doch tatsächlich einen Kombi aus dem gleichen Baujahr mit den gleichen Bildern, derselben Telefonnummer, demselben Verkäufer – nur mit 170.000 auf der Uhr. Entsprechend mehrere 1.000€ teurer. Hat der zufällig noch einen, der irgendwie völlig identisch aussieht…?

Tatsächlich stellt sich beim Telefonat heraus, dass der Besitzer bei diesem Modell leider das Service-Heft verloren hat, versichert uns aber, dass alle Inspektionen gemacht worden seien. Allerdings bei einer Werkstatt, die kürzlich geschlossen hat, sonst hätte er uns glatt noch eine Nummer gegeben, bei der man das hätte erfragen können. Da zieht es einem schon ein wenig die Schuhe aus.

Und tatsächlich erzählt uns ein befreundeter Mercedes Händler im Rahmen der Recherche, dass das tatsächlich eines der vielleicht größten Probleme des Wagens sei. Gerade weil der Innenraum so wenig verschließanfällig ist, trauen sich bemerkenswert viele Besitzer, mal ein paar Kilometer auf dem Tacho „korrigieren“ zu lassen. Gleich 160.000 findet selbst dieser Händler unglaublich dreist. Jedem Interessenten rät er, beim geringsten Verdacht einen Händler aufzusuchen – denn ganz gleich, was einem auf der Straße erzählt wird: Die Kilometer-Trickserei ist bei diesem Wagen mit verhältnismäßig geringem Aufwand ermittelbar. Und erfahrungsgemäß reicht hier oft schon die Frage, ob eine Überprüfung okay sei, aus.