Autozeitungen: Lasst Euch nicht verarschen

Wir bekommen ja auch schon mal seltsamen Mails – genau genommen ziemlich oft 😉

Aber ganz großartig sind die, die Dinge wissen wie „Der Wagen, den ihr besser findet, hatte im Vergleichstest der Auto Motor Sport aber 406 Punkte und der Irgendwas GLS hatte 411 Punkte, ist also viel besser.“

Ja… Wo fĂ€ngt man da eigentlich genau an….? Vielleicht mal bei der Frage, wie viele Leute eigentlich noch an die AMS glauben – kurze ZĂ€hlung, HĂ€nde hoch…?

Na ja – das sind schon noch einige. Als wir uns damals zum Konglomerat „Schreiben ohne ZwĂ€nge zusammengeschlossen haben, war unter anderen das der Anlass… Wir hatten immer fĂŒr Autozeitungen schreiben wollen – und dann schaffst Du es, sitzt da in einer Redaktion und dann kapierst Du, daß was nicht stimmt. Mal ein Beispiel, das wir auch wissenschaftlich behandelt haben: Eine sehr prominente Autozeitung hat in einem Test des 3 Liter Lupos, ohnehin ein schrulliges ĂŒberteuertes Auto, der so teuer war, weil er angeblich nur 3 Liter Sprit verbrauchen sollte, klar geschrieben, dass er das nicht tut.

Der Wedeltest ist so eine Erfindung, Pseudo-Genauigkeit mit „Fakten“ zu untermauern

Naja… Klar geschrieben… Sie haben es im Datenblatt angegeben. Da Stand dann „Verbrauch, minimal: 3,4 Liter“- Stand da also schon.

Irgendwie.

Das sind immerhin 13% mehr und es war der Minimalverbrauch und es war ein Diesel mit Platz fĂŒr 2 Personen und 2 schmerzunempfindliche Kinder – fĂŒr 28.000 Mark. In der RealitĂ€t lagen 4+ Liter an. Dann – wir saßen damals im Test-Team – erschien der Toyota Yaris: selbe Fahrzeugklasse, nur signifikant mehr Innenraum, keine Hightech-Orgie mit irrsinniger Marketing-Story drum herum. Ein Benziner, also im Grunde das benachteiligte System. Mit dem fuhren wir im Test mit unfassbaren 4,1 Litern. Hooka Hey – ein Benziner! Mit 4-5 PlĂ€tzen und einem echten Kofferraum – und das fĂŒr deutlich unter 20.000 Mark.

Der Yaris war der klare Gewinner, oder?

In Schriftform las sich das nachher so:

Der Lupo ist – wenn auch mit hohem technischen Aufwand, tatsĂ€chlich ein sparsames Auto, das bislang unbekannte Werte erreicht.

Die Leser erfuhren auch:

Im Test genehmigt sich der Yaris bis zu 6,2 Liter Superbenzin.

Merkste was?

Und das ist ja nun wirklich kein Einzelfall. In einem anderen Fall musste einer von uns ĂŒber Fahrzeuge der gehobenen Mittelklasse berichten. Der auslĂ€ndische Außenseiter schaffte in einem normierten Fahrtest 62,9 KM/H – die drei Deutschen Premium-Marken (kein Witz!): 64,1 KM/H, 63,6 KM/H und 63,4. Guess what:

Die drei Deutschen Fahrzeuge lassen ihren auslÀndischen Konkurrenten im Wedeltest klar hinter sich

Und hier reden wir von Fahrsituationen, in die 98% aller Fahrer in einem Autoleben nie kommen. Die meisten werden nicht mal 50 Km/H erreichen in dieser Fahrsituation…

Und da kam es dann irgendwie zum Streit, weil wir es nie so ganz nachvollziehen konnten und wollten, wie hier „Fakten“ geschaffen wurden. Und speziell Deutsche sind hier total anfĂ€llig fĂŒr Fakten. Vor allem fĂŒr belegbare, messbare Fakten, die mit Punkteskalen, Messwerten und Ă€hnlichem daherkommen und vermeintliche LĂ€cherlichkeiten zu „großen AbstĂ€nden zwischen den Fahrzeugen“ heraufstlisieren. Und am Ende zahlen dann Leute 10.000€ mehr fĂŒr 7 Millimeter mehr Beinfreiheit 0,2 Liter geringeren Theorie-Verbrauch und „eine geringere Stuckerneigung bei Querrillen bei Autobahntempi ĂŒber 160 KM/H“ (O-Ton).

Ein Brite oder ein Franzose ist da viel entspannter. Hier ist ein 5Star Rating in der WhatCar zwar cool, aber eher ein Richtwert – da beurteilt man lieber selbst und entscheidet sich fĂŒr den 3 Sterne-Japaner fĂŒr 2300 Pfund Einsparpotenzial – Ă€hnliches gilt fĂŒr Franzosen oder Spanier. Nur wir Deutschen…

Die Autos von meinem Opa hatten noch gar keine Haptik…

Als gar nichts mehr ging, haben pfiffige, unterwĂŒrfige Journalisten schließlich die „Haptik“ erfunden – durch die unterscheiden sich jetzt die Autos auf höchst subjektive Weise – Haptik kann keiner messen – aber möchtest Du in einem Auto sitzen, von dem dir ein Kollege sagt, es habe so eine schlechte Haptik – nur, weil Du 10.000€ sparen wolltest…?

Wie funktioniert das Wirtschaftsmodell einer Zeitung? Zwei Drittel der Einnahmen kommen aus Anzeigenwerbung der Kunden – so war das in der guten alten Zeit. Es ist also relativ klar, wer hier am lĂ€ngeren Hebel sitzt. Heute gibt es da natĂŒrlich viel wildere Formen – advertorials oder (bei uns Schreibern besonders verhasst: „Strecken“).
Das sind Konglomerate aus kleineren Artikeln, zu denen der Kunde eine dicke Werbung gebucht hat. Und Du schreibst dann irgendwelche völlig unsinnigen Texte ĂŒber „die schönsten Cabrio-Touren,“ nur weil der neue offene Wagen Deines Inserenten erschienen ist. Der darf dann auch gerne auf ein paar Bildern vorkommen – aber nur, wenn er schön beleuchtet ist.

Auf der Fahrt zum Fototermin rufst Du den Redaktionsleiter an und sagst „Der Wagen schwimmt total. Über den können wir unmöglich einen solchen Artikel schreiben und ihn loben.“

„Ja… warte doch erst mal auf den Test – jetzt macht ihr eine hĂŒbsche Foto-Strecke“

„Ja – aber das geht gar nicht! Der ist echt kritisch schlecht abgestimmt.“

„Weisste was? Geht doch heute Abend mal nett essen, wenn ihr schon da unten an der KĂŒste seid. Auf Redaktionskosten. Da soll es mir auf die Mark Fuffzich nicht so ankommen….“

Okay, got you…




5 Kommentare

  • Und ich dachte, mein Metier, der IT-Journalismus wĂ€re verkommen 😉 Aber ich ahnte es schon, dass das so lĂ€uft: Mir geht seit Jahren gegen den Strich, dass gleiche oder Ă€hnliche Fahrzeuge nichtdeutscher Marken je nach Test runtergeschrieben werden. Weil die dicken Werbekunden eben die deutschen Marken sind auf dem deutschen Anzeigenmarkt. Die, die vermutlich auch am meisten bei Außenterminen springen lassen. Das treibt bei manchen Titeln – ich lese sie, wie einst die Schmuddelzeitungen, nur noch beim Friseur – inzwischen absurdeste BlĂŒten.

    Aber letztlich bin ich da auch sehr undeutsch: Ich will ein Auto, was mir gefĂ€llt. Marke und andere Faktoren sind da zweitrangig. Meinen ewig KĂŒhlwasser und Steuerketten fressenden TSI-Octavia werde ich demnĂ€chst wohl gegen einen Asiaten oder Franzosen tauschen. Auch wenn die in den Tests bei der QualitĂ€tsnote immer verlieren…

  • M. Kn

    Leider geht es hier nicht nur auslÀndischen Herstellern so. Gerade bei AB fÀllt mir immer wieder auf, wie mit allen Mitteln versucht wird Opel fertig zu machen und etwas schlechtes an Ihm zu finden.

    Beispiel: FĂ€hrt ein Golf gut aber hat zum Beispiel etwas mehr Verbrauch wird geschrieben:

    „Er fĂ€hrt sich wie ein Großer“

    Bei einem Astra wird geschrieben:

    „FĂ€hrt wie ein Großer, Verbraucht aber auch so viel!“

    Ich verstehe nicht, wieso insbesondere VW hier immer wieder ins grĂŒne Licht gerĂŒckt wird. Auch Opel gibt Deutschen Familien seid Jahrzenten ein Lebenseinkommen.

  • jannik

    Das die Zeitungen nur Murks schreiben ist doch klar, besonders Opel wird tot geschrieben wo es nur geht. Besonders in den 80ern und frĂŒhen 90ern wurde Opel so schlecht geschrieben das man glauben konnte das jeder Opel nur 1000km hĂ€llt.(was net stimmt) Der Omega A und B ist jetzt nicht perfekt gewesen aber so schlimm wie auto motor sport und co ihn dargestellt haben ist er nie gewesen

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