Aus dem echten Leben: Zuverlässige Autos

Gast Post von Fuhrpark-Manager Gerrit Sirsheimer

Gerrit Siersheimer ist seit 1986 Manager eines heterogenen Fuhrparks
mit phasenweise bis zu 100 Fahrzeugen


Wenn Du einen Fuhrpark managst, dann fragen dich immer alle: Was kannst Du denn empfehlen? Welche Autos taugen denn was? Nach 27 Jahren im Fuhrpark, 21 davon als Leiter, habe ich mir jetzt, kurz vor meinem Ruhestand, einmal die Mühe gemacht, meine Erfahrungen nicht nur festzuhalten, wie ich es über die Jahre immer getan habe, sondern auch einmal zu bewerten und in Worte zu fassen.
Unser Fuhrpark hat 4 Kategorien, wenn man so will:
1. Servicefahrzeuge – das sind im Normalfall kleinere und mittlere Kombis – Typische Vertreter: Focus, Astra
2. Lieferfahrzeuge – geschundene Transporter jeder Art
3. Fahrzeuge für diverse Manager, die eher Premium sein müssen, aber keine Lastesel – Typische Vertreter: Passat, A4
4. Wagen der Geschäftsleitung, Repräsentations-Limousinen im klassischen Sinne – Typische Vertreter: A8, S-Klasse

Block 1: Die Servicefahrzeuge waren schon immer da – die ersten davon gab es in den 70er Jahren und da waren es zunächst Kadett C – primär, weil es damals nicht so viele Kombis in der Klasse gab. Damals kamen diese Wagen Abends zurück in die Halle, seit ich Chef des Fuhrparks wurde, konnten die Mitarbeiter sie auch privat nutzen, was die Ansprüche an die Wagen signifikant geändert hat.

Opel Astra

Erwarten die meisten Leute nicht, wenn es um zuverlässige Autos geht – Opel ist zu unrecht verpöhnt – die Autos taugen, die Unterhaltskosten sind fair

1992 war das führende Auto hier noch der Astra Kombi, dann ab 1998 phasenweise auch mal der Focus – und seit Erscheinen des Skoda Octavia, den wir in der Klasse zulassen, ist die Wahl eindeutig: von 40 Autos sind mittlerweile 30 Skoda Octavias, gerne auch mal mit dem hervorragenden DS-Getriebe. Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Skoda Octavia ist sensationell, auch wenn der Wagen entschieden teurer geworden ist über die Jahre. Tatsächlich hört man schon Fragen nach dem neuen Skoda Rapid. Aber ist der Skoda auch gut? Selten gibt es so eine klare Antwort: Der erste war es noch nicht ganz, der Zweite ist es – mit Ausnahme zweier kapitaler Motorschäden der TSI-Maschinen, die ja längere Zeit Probleme hatten, was überall hinreichend beschrieben wurde. Wir hatten die experimentell aufgenommen und es war ein Flop. Der Diesel ist super – entweder 105 PS Handschaltung oder einen größeren mit DSG.

Skoda Octavia II

Bitte: Zeig mir einen Fuhrparkler, der den nicht liebt. Zuverlässige Autos kommen aus Tschechien im Moment – und aus Rumänien, wenn auch mit geringerem Anspruch

Langzeitbetrachtung: Die Autos dieser Klasse sind im Mängel-Index über die Jahre immer besser geworden. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung war Opel übrigens nie schlecht oder unzuverlässig – Ford auch nicht, der VW Golf in dieser Klasse, in vielen Komponenten mit dem Skoda Octavia identisch, war stets die größte Enttäuschung. Die schlimmsten Jahrgänge bei allen Marken waren in meiner Amstzeit die Jahre 2000-2003 – hier wurde viel zu oft mit unerprobter Elektronik gespielt – außer bei Skoda. 2003 war der Mängel-Index bei unseren Autos in diesem Segment 65% höher als heute. Immerhin haben die Hersteller das also scheinbar wieder im Griff.

Block 2: Lieferfahrzeuge. Dieser Block war über die Jahre so starkem Wandel unterlegen, dass ich ihn nicht auswerten kann – aber 2 Learnings: Im Nutzfahrzeugbereich ist Renault nicht so schlecht wie bei normalen PKW und: Dacia wird hier bald massiv aufholen, die sind heute schon fast besser als Renault.

Toyota Carina e zuverlässige Autios sind oft unauffällig

Also – der war ungeschlagen – Bremsen getauscht, einen Scheinwerfer und eine Lampe im Cockpit. Ha ha

Block 3: Diverse Management-Fahrzeuge. 1992 war das führende Auto in diesem Segment bei uns der VW Passat – 2013 ist es der Passat… Tatsächlich hat sich das nur einmal ganz kurz geändert: Als der letzte Audi A4 erschien. Der wirkte so viel größer und familientauglicher als sein Vorgänger, war es aber nicht… Der Passat führt und zwar konzeptionell zurecht. Was seine Zuverlässigkeit angeht, ist er auch kein Wunder. Dabei sind es weniger die großen Dinge – es sind die nervenden. Keiner der Passat ab Baujahr 2005 schaffte seine Dienstzeit ohne Probleme an den Fensterhebern, dem Navigationssystem und den vorderen Antriebswellen. speziell letztere sind der 170PS Diesel-Maschine und ihren 350NM nicht gewachsen. Die geben teils bereits nach 15.000km Geräusche von sich.

Qualitativ weit besser im Moment ist der Ford Mondeo. Vom Insignia haben wir nur einen, das wäre statistisch unsauber – der jedoch hält bislang tatsächlich den aktuellen Fuhrparksrekord für mängelfreies Fahren über knapp 60.000 – ein 160PS Diesel mit Allradantrieb und Automatik. Ein echter Traumwagen, muss man sagen – leise, wendig. Nur leider in allem, was hinter dem Fahrersitz kommt zu klein und zu schlecht zugänglich: Einstieg hinten, Fußraum, Laderaum, Beladbarkeit, alles nicht zu Ende gedacht und lieblos konstruiert. Schade – vorne ist er toll – und wie gesagt: vollkommen pannenfrei bis auf einen Fertigungsfehler im Waschwasserbehälter, den wir geklebt haben.

Opel Insignia

Ein Super Auto, ein Fahrerauto. Alles andere ist dummes Kaffeehausgeschwätz. Der Insignia ist ein gutes Auto – 3 Zentimeter mehr hinter den Vordersitzen wären cool, 100 Liter mehr Laderaum top

Der A4 und der 3er halten sich die Waage, erreichen aufgrund ihrer Hightech nie die Zuverlässigkeit des Mondeo, sind aber – auch hier kein klassisches Stammtisch-Bild – weit besser als die C-Klasse. Die C-Klasse ist generell immer schlechter geworden – erst die aktuelle zeigt wieder bergauf. Während der Innenraum sich prächtig hält, ist die Elektrik Mist, die Elektronik ist es auch. Konzeptionell nervt an der C-Klasse ihre viel zu geringe Traktion. Das ist schon auf Nässe beleidigend – auf Schnee fühlt man sich wie ein Fahranfänger. Hier ist der BMW 3er bedeutend besser – und der hat auch Heckantrieb, daran alleine liegt es definitiv nicht – auch ältere C-Klassen und der 190er – die Wagen ohne die Assistenzsysteme – waren hier bedeutend besser, die E-Klasse ist es auch.

In dieser Klasse gibt es übrigens den Alltime-Winner im Bereich Zuverlässigkeit: 1997 gekauft und bis 2000 satte 178.000KM zurückgelegt ohne einen einzigen außerplanmäßigen Werkstattaufenthalt: Der Toyota Carina E mit Magermixmotor und dem unfassbaren Durchschnittsverbrauch von gerade mal 7,9 Litern über die gesamte Strecke, Benzin wohlgemerkt, nicht Diesel. Ein Traumauto: Groß, leise, zuverlässig und wundervoll komfortabel, auch auf langen Strecken. Den Nachfolger wollte leider niemand unserer Mitarbeiter haben – aber in Fuhrparkkreisen genießt er, wenn es um zuverlässige Autos geht, nicht ganz denselben Ruf.

Block 4: Repräsentation. Beliebtestes Auto 1992: der 5er BMW – beliebtestes Auto heute: der 5er BMW… Aber Achtung: Würde man das ganze aus einem anderen Blickwinkel auswerten,

Im Grunde brauchen wir in der Klasse nur den

Im Grunde brauchen wir in der Klasse nur den 5er

würde man feststellen, dass viele ehemalige Fahrer dieser Klasse heute eine Klasse darunter kaufen – ganz speziell den Passat und auch den Mondeo, was früher keiner gedacht hätte. Zuverlässige Autos sind in dieser Klasse übrigens nicht mehr so häufig zu finden wie 1992. Damals war die alte E-Klasse vom Typ W124, der BMW 5er E34 und der letzte Audi 100 einfach eine Wucht. Die Zuverlässigkeitswerte von denen hat keiner ihrer Nachfolger erreicht. Speziell der Mercedes W210, ein super Auto eigentlich, war qualitativ schrottig, der W211 war es in vielerlei Hinsicht auch. Der Audi A6 ab 1998 war so ziemlich das übelste, was Audi gebaut hat. Rekord: durchgerostete Scheinwerferhalterung nach 3 Jahren, was zu einem faktischen Ausfall der Beleuchtung führte, obwohl die Lampen noch an waren. dramatisch. Mercedes – auch Schlimm. BMW: Leicht besser und auch schneller wieder erholt – seit 2004 wieder top.

Zuverlässige Autos sind ein Thema – Reparaturkosten das andere

Dennoch: als Fazit bleibt hier ganz klar, dass der Qualitätsvorsprung, den diese Klasse Autos mal hatte, in dem Maße zurückgegangen ist, wie die Skoda Octavias und Astras aufgeholt haben. Zuverlässige Autos sind heute viel weniger an den Preis gebunden – Zuverlässige Autos hängen vielmehr am Reife-Grad der Technik. Und das ist ein Tropf, da das Wettrüsten viel nicht ausreichend erprobtes nach vorn an die Kundenfront bringt.

Skoda Superb zuverlässige Autos

Die Deutschen fahren lieber Premium – eine objektivierbare Fehlentscheidung, wenn es um zuverlässige Autos geht

Eine echte Ausnhameerscheinung tingelt zwischen den Klassen: der Skoda Superb. Zuverlässige Autos suchen wir ja mittlerweile dort. Leider gab es auch hier eine Phase der üblen Steuerketten etc. Dennoch: Zuverlässige Autos tragen gerne den Namen Skoda. Der Octavia ist etwas besser in Summe – aber der Suberp ist top – wir hatten alles in allem 7 vom gegenwärtigen Modell mit dem einen typischen Ausfall, ansonsten haben die alle 180.000 ohne viel Murren geschafft. Sie sind damit größer als ein A6 und zuverlässiger…

Auffällig grundsätzlich auch bei unserer Betrachtung: Die höchsten Rechnungen kommen nicht von Mercedes, wie der Volksmund wissen will. Wir hatten mal einen Jaguar – da waren die Rechnungen jenseitig. Aber im direkten Vergleich ist es auch hier wieder VW, die die höchsten Rechnungsbeträge für Standard-Dinge aufrufen. Bei vergleichbaren Arbeiten lag Volkswagen in den vergangenen 9 Jahren, seit wir das strukturiert erfassen, dauerhaft 18% über Opel und 21% über Ford.

Und man ahnt es schon: wer hält den Spitzenplatz im Bereich Wirtschaftlichkeit? Korrekt: Skoda baut zuverlässige Autos und das auch noch mit geringen Unterhaltskosten in Summe.

Vielleicht noch eine vorletzte Antwort auf eine Frage, die mir auch oft gestellt wird: Rosten Autos eigentlich heute noch (vor allem in den drei Jahren, die wir sie üblicherweise fahren)? Ja – es ist ein wenig erschreckend, aber sie rosten noch – wenn auch beileibe nicht mehr so schlimm oder so häufig. Das war in den 90ern noch weit schlimmer. Der schlimmste war der Astra F, dicht gefolgt vom Golf 3.

Wer mag jetzt noch fragen, für was für einen Wagen sich der Fuhrparkmanager selbst entscheiden, wenn es um zuverlässige Autos geht? Korrekt – ich fahre einen… Skoda Superb – 140PS TDI, Allrad, DSG.

Warum die Deutschen lieber viel Geld für objektivierbar schlechtere Autos ausgeben, bleibt ein Geheimnis, aber nicht mein Geheimnis.



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